Fortschritte

Foto © Lisa Gorkiewicz, Universität Salzburg

Die Arbeiten begannen im Jahr 2019 mit der Untersuchung des Grabes von Arnau de Torroja in San Fermo in Verona. Es folgten Sichtungen und Analysen von Dokumenten im Vatikanischen Geheimarchiv und im Archive Nationale von Paris. Innerhalb kurzer Zeit konnten weitere Forschungspartner gewonnen werden, sodass die Arbeiten nun von zahlreichen Vernetzungen profitieret.

Aufgrund der wiedergefundenen Dokumente aus dem Jahr 1265, welche vom Verbot der Exkommunikation und Verbannung der Templer handeln, konnte nach mehr als 700 Jahren ein Verfahren mit dem Ziel der Rehabilitation des Templerordens eingeleitet werden – ein erstes Zwischenresultat – mit unmittelbaren und aktuellen Implikationen!

Die Forschungsgruppe arbeitet eng vernetzt und in permanentem Austausch an der vollständigen Aufarbeitung und historischen Rekonstruktion der Geschichte des Templerordens. Namhafte Institutionen haben den Zugang zu weiteren Templer- Gräbern und anderen kirchenhistorisch hoch relevanten Bestattungen in Aussicht gestellt.

Welchen Bezug hat das Projekt auf die Rechtswissenschaften?

Die historische Rekonstruktion:

Das XIII. und XIV. Jahrhundert und die Templer.

Diese Jahrhunderte waren von kriegerischen Spannungen und Auseinandersetzungen geprägt: So etwa der Krieg gegen Saladin, in dem die Templer unterlagen, weiters der III. und VI. Kreuzzug. Auch trugen zahlreiche Entscheidungen der Familie der Staufer, insbesondere des Kaisers des Heiligen römischen Kaiserreiches Friedrich II., dazu bei, dass Konflikte andauerten. Der Einsatz der Templer im Königreich von Jerusalem, welche dort als Soldaten verlässliche Dienste im Namen der katholischen Kirche erbrachten, war dabei von sehr großer Bedeutung. Ein Großteil der Templer verblieb bis 1291 im Heiligen Land, im letzten Schutzbastion der Katholiken in Sankt Johannes von Akkon.  Auch in Italien dienten sie als eigene Armee des Papstes gegen dessen Feinde. Im XIII. Jahrhundert unterstützten sie das Papsttum insbesondere gegen die Pläne der Familie der Staufer zur Stärkung ihrer eigenen Macht und zum Nachteil des Papsttums vor allem während des Konfliktes zwischen den Päpsten und dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.  Es ist an dieser Stelle – um ein weiteres Mal die Wichtigkeit der Templer für die Kirche zu verdeutlichen – auch zu erwähnen, dass vor allem die Zeitperiode des XII. und XIII. Jahrhunderts für die spanische Reconquista und damit für die Päpste und das gesamte Christentum von enormer Bedeutung war.  Hinsichtlich der Gewichtung der Motive für die Reconquista gehen die Meinungen in der Forschung weit auseinander. In Diskussion stehen die religiöse Motivation, der „nationale“ Aspekt und – im Hinblick auf die Anfangsphase – ein regionaler Widerstandswille gegen die Fremdherrschaft.  Im Hochmittelalter wurde jedoch der Kampf gegen die Muslime in Spanien von den christlichen Herrschern Europas als Kampf für die gesamte Christenheit und als Heiliger Krieg wahrgenommen.  Die muslimische Seite kannte den kriegerischen Aspekt des Dschihad schon seit Mohammeds Kriegszügen gegen benachbarte Länder und hatte auch die Eroberung Spaniens in diesem Sinne unternommen. Die, die militärische Eroberung Spaniens dominierende Ritterschaft setzte sich aus, von den Päpsten auf die Halbinsel einberufenen europäischen Rittern zusammen und hatte die Tempelritter zum Vorbild. Der entscheidende Wendepunkt, der den Christen endgültig die militärische Überhand verschaffte, war die Schlacht bei Las Navas de Tolosa am 16. Juli 1212, in der die Truppen der verbündeten Königreiche von Kastilien, Navarra, Aragón und León sowie französische Kontingente unter Alfons dem VIII. die Almohaden unter Kalif Muhammad an-Nasir besiegten.  Im Zuge der spanischen Reconquista , waren vor allem die die Eroberung Córdobas (1236) und Sevillas (1248) durch Kastilien, Valencias (1238) durch Aragón und der Algarve (1250) durch Portugal auschlaggebend. Zwar wurden auch Murcia und Granada unterworfen, jedoch brach im Jahr  1262 erneut, unterstützt von marokkanischer Seite, ein muslimischer Aufstand in ganz Andalusien aus.  Nach der endgültigen Eroberung Murcias durch Kastilien und Aragón 1265 blieb nur das Nasriden-Emirat von Granada als kastilischer Vasallenstaat vorerst noch muslimisch. Weitere Interventionen und mehrere Feldzüge der marokkanischen Meriniden scheiterten 1291 insbesondere dank der Hilfe der Templer. 

Um den Fokus wieder auf die Kernthematik, der Problematik der Auflösung des Templerordens, welche mit den vier hier behandelten Bullen im Zusammenhang steht, zu legen, lohnt es sich, zunächst jene Person genauer betrachten, der die eigentliche Verantwortung für die „Auflösung“ des Ordens zukommt: Papst Clemens V., mit bürgerlichem Name Bertrand de Got.  Es wird angenommen, dass der zwischen 1250 und 1265 in Villandraut geborene Franzose von einem alten südfranzösischen Adelsgeschlecht abstammte.  Clemens V. trat dem Grammontenserorden bei und wurde Mönch. An der Lehranstalt für Römisches Recht in Orléans und in Bologna studierte er Recht. Am 5. Juni 1305 wählte ihn das Konklave in Perugia zum neuen Papst.  Die Stuhlübergabe von Papst Clemens V. fand auf dessen Wunsch am 14. November 1305 in Lyon statt, anwesend war damals auch der befreundete französische König Philipp IV.  Im März 1309 verlegte er den Sitz der Päpste von Rom nach Avignon, woraufhin das lange Exil des Papsttums begann, welches erst im Jahr 1377 von Papst Gregor XI. beendet wurde.  Berühmtheit erlangte der studierte Jurist und neue Papst Clemens V, aufgrund seiner Rolle bei der Auflösung des Templerordens, allen voran wegen seines Nepotismus. Den Überlieferungen nach fungierte er als Marionette von König Philipp IV., auch Philipp der Schöne genannt.  Im Jahr 1307 und somit während der Amtszeit von Papst Clemens V., leitete der französische König Philipp IV. die „Templerprozesse“ ein, indem er alle Templer in Frankreich verhaften ließ.  Der Grund für diesen groß angelegten Coup war, dass der, sich ständig in Geldnöten befindende französische König das riesige Vermögen des Tempelordens sichern wollte und das, obwohl es gerade dieser Orden war, der den französischen Staat immer wieder vor dem Staatsbankrott gerettet hatte.  In den zahlreichen Templerprozessen erhob Philipp IV. Anklage auf Häresie und Blasphemie gegen den Orden durch den französischen Generalinquisitor. Geständnisse der angeklagten Ordensmitglieder wurden in der Regel unter grausamer Folter erpresst.  Das von Clemens V. einberufene und von ihm selbst am 16. Oktober 1311 eröffnete Konzil von Vienne entschied letztendlich, dass die, den Templern gegenüber vorgebrachten Anschuldigungen von Häresie und Blasphemie nicht nachzuweisen seien.  Ungeachtet dieser Entscheidung verkündete Papst Clemens V. am 22. März 1312 die Auflösung des Templerordens, schriftlich festgehalten in der Bulle „Vox in excelso“. Begründet wurde dieser päpstliche Erlass folgendermaßen: Allein der nunmehr schlechten Ruf des Ordens mache eine derartige Maßnahme notwendig, um weitere Schäden von der gesamten Kirche abzuwenden.  Anschließend übereignete der Papst durch die Bulle „Ad providam“ die Güter der Templer dem Johanniterorden.  Unter Papst Clemens V. florierte das eigennützige politische Handeln innerhalb der Kirche, Korruption und Vetternwirtschaft (Nepotismus) waren die Folgen. Die Übermacht an französischen oder französisch-gesinnten Kardinälen verstärkte der Papst zusätzlich durch die Ernennung weiterer Franzosen zu Kardinälen. Darunter waren beispielsweise auch fünf nahe Verwandte. Weitere sieben Verwandte wurden durch ihn zu Bischöfen bzw. Erzbischöfen ernannt.  Sogar von Zeitgenossen wurde die Kurie von Avignon als „klementinischer Jahrmarkt“ bezeichnet.  Die Kurie wurde zu einer Art Kreditunternehmen für geistliche Würden, die der Papst an jeden zahlungskräftigen Interessenten vergab. Papst Clemens V. brauchte immer wieder Geld für seinen ausschweifenden Lebensstil. Wie es metaphorisch hieß, war seine Mätresse Brunissende de Foix Talleyrand de Périgord, kostspieliger als „das ganze Heilige Land“.  Papst Clemens V. starb am 20. April 1314 vermutlich an Krebs und wurde in der Kirche Notre Dame in Uzeste beigesetzt. 

Eine ebenso bedeutende Rolle in der Geschichte des Templerordens spielte – wie bereits erwähnt ohne Zweifel – König Philipp IV. (Fontainebleau 1268-1314), der von 1285 bis 1314 König Frankreichs war.  Mit ihm an der Spitze avancierte Frankreich zur Großmacht in Europa. Philipp der Schöne etablierte mit seiner kompromisslosen Autorität ein modernes und frühabsolutistisches Staatswesen, welches der mittelalterlichen französischen Monarchie eine bis dahin nie gekannte Machtentfaltung ermöglichte.  Besondere Bedeutung erlangte seine Regentschaft bei der Überführung des Papsttums nach Avignon und der Zerschlagung des Templerordens.   Die Amtszeit von Philipp IV. war von vielen Konflikten und Kriegen geprägt, beginnend mit dem Konflikt in Aquitanien und dem darauffolgenden Krieg in Flandern, wo er seine Armee gegen den Graf Guido I. von Flandern und dessen alliierten Eduard I. von England geführt hatte.  Der von Philipp geführte Krieg in Flandern war besonders kostspielig und belastete die Finanzen Frankreichs außerordentlich.  Während der Kampfhandlungen wurde er oft von den Templern vor dem Bankrott gerettet.  Nach der Eroberung Flanderns und dem darauffolgenden Aufstand, fasste Philipp den Beschluss nach Italien zu gehen. Er zettelte daraufhin mit dem Papst einen Konflikt an, der mit dem Attentat von Anagni seine große Eskalation erreichte.  Später gelang es ihm durch die Vergiftung von Papst Benedikt XI., Clemens V. als dessen Nachfolger zu installieren und den fortan von ihm kontrollierten Sitz des Papsttums nach Frankreich zu verlegen.  Doch damit nicht genug: Um seine Finanzen zu sanieren, setzte er sich schlussendlich für die Vernichtung des Templerordens ein.  

 Die Bulle Vox in Excelso und die Aufhebung des Templerritterordens- Ein Rätsel der Rechtsgeschichte:

König Philipp IV. zählte zu seiner Zeit zu den einflussreichsten Machthabern. Vor allem konnte er auf den damaligen Papst, Clemens V. großen Einfluss ausüben, sodass dieser faktisch nach seinen Befehlen agierte. So ist auch das avignonesische Exil auf Philipp IV. zurückzuführen, der damit eine, für diese Zeit sehr effektive, Methode erfunden hatte, um das Papsttum in seinem Interesse zu steuern. Dieser Einfluss wird dadurch ersichtlich, dass Papst Clemens V. bereits während des Verfahrens gegen die Templer bemerkt hatte, dass die zahlreichen Anschuldigungen, welche gegen den Tempelritterorden vorgebracht wurden, vorgeschoben waren und nicht der Realität entsprachen. Hauptziel des Königs war es, das geschuldete Geld und alle Grundstücke, Immobilien und sonstiges Eigentum und Besitztümer der Templer in Frankreich zu requirieren, um seine eigenen Finanzhaushalt zu sanieren. Darüber hinaus dürfte ihm daran gelegen haben, die große Macht und den guten Ruf der Templer zu vernichten – beides Umstände, die für einen Despoten wie er es war, sehr gefährlich sein konnten. Genau aus diesen Gründen hatte König Philipp der IV. ein immenses Interesse daran, diesen Orden zu eliminieren. Es gelang ihm aber nur einen Teil seiner Ziele zu erreichen, da viel Geld der französischen Templer verschwand und auch Liegenschaften der Templer nicht so einfach in Geld umzuwandeln waren. Daher entschloss er sich, alle Güter der Templer in Frankreich an den Johanniter-Orden für eine (für die damalige Zeit) enorm hohe Summe zu veräußern, um rasch an liquides Kapital zu gelangen.

Wenngleich auch ein päpstliches Gericht den Templerorden im Jahr 1307 für unschuldig befunden hatte, wie man aus dem Pergament von Chinon erfahren kann, löste Clemens V. dennoch mit der Bulle Vox in Excelso im Jahre 1312 den Orden auf. Es war eine Auflösung, die bloß aus einer päpstlichen Entscheidung hervorging, nicht jedoch aus der eines Konzils, welches jedoch notwendig gewesen wäre, um den Orden aufzulösen (das in der Bulle genannte „concilio approbante“ ist eine historische „Täuschung“, da keiner der Anwesenden sprechen durfte), wie der Papst selbst in der betreffenden Bulle anmerkt. Diese außergewöhnliche Art der Auflösung lässt vermuten, dass es sich um eine vorübergehende Suspendierung handeln könnte (auch wenn das Verb „tollere“ an eine endgültige Aufhebung denken lässt ), oder sogar, dass es gar keine Aufhebung war. Die in der Literatur vertretenen Meinungen divergieren diesbezüglich stark, da sowohl von einer Auflösung, als auch von einer Suspendierung gesprochen wird. Diese verschiedenen Auffassungen hängen mit der Geschichte des Konzils und der Verfassung, also dem Zustand der Bulle zusammen. Die Geschichte dieser Bulle sowie auch die Gegebenheiten rund um ihre vermutliche Wiederentdeckung Ende des 18. Jahrhunderts sind sicherlich außergewöhnlich.

Bis vor wenigen Monaten wurde angenommen, dass die originale Bulle derzeit im vatikanischen Geheimarchiv aufbewahrt ist. Im März des Jahres 2022 wurde jedoch im vatikanischen Geheimarchiv festgestellt, dass die originale Version der Bulle von 1312 im Archiv nicht auffindbar ist und dass die von der Literatur bis heute angegebene Signatur nicht mehr existiert. Gleichzeitig konnte in einen internen Bericht des Vatikanischen Geheimarchivs eingesehen werden, in dem bereits 2011 vermerkt wurde, dass die Bulle im Geheimarchiv nicht zu finden sei.

Dieser neuen Erkenntnisse machen eine historische Rekonstruktion der Umstände der Widerauffindung dieser Bulle vor 200 Jahren sowie der Geschichte dieser Bulle äußert notwendig. Nach aufwändigen Recherchen konnte (ebenfalls erstmals) wissenschaftlich rekonstruiert und nachgewiesen werden, dass eine erste Veröffentlichung der Bulle 1788 erfolgte, genauer in den Semanario Erudito Vol. VIII von Don Antonio Valladares. Diese Version war aber nicht mit Nachweisen belegt. Eine zweite Version der Bulle wurde nach Aussage des Autors erstmals 1806 im Werk von J. Villanueva, Viaje Literario, Band 5, veröffentlicht. Diese Veröffentlichung basiert auf einer handgeschriebenen Kopie der Bulle aus dem Jahr 1312, die in den königlichen Archiven von Aragon von einem gewissen Pater Caresmar, wiedergefunden wurde. Diese Version der Bulle wurde anschließend von mehreren Autoren übernommen und beispielsweise von Hefele 1866  erstmals in seinem Werk in deutscher Sprache wiedergegeben. Auch die jüngeren Fassungen dieser Bulle basieren alle auf der Version von Villanueva aus dem Jahr 1806 oder auf der gleichen Versionvon Hefele aus 1866.

Man konnte bisher diese alten Werke sammeln, angefangen von der ersten veröffentlichten Version der Bulle wie auch der originalen Kopie der Bulle aus dem Archivo de la corona de Aragon, heute im Archiv von Katalonien in Barcelona. Zudem war zu vermuten, dass sich wahrscheinlich die einzige noch erhaltene originale Kopie der Bulle in den Manuskripten des Klosters von Citeaux, heute im Gemeinde-Archiv von Dijon, befinden könnte.

Zusätzlich konnten in den katalanischen Archiven historische Notizen aus der Zeit des Königs Jayme II. aufgefunden werden, welche die Umstände der Entstehung der Bulle beschreiben und detailliertere Beschreibungen zum Konzils von Vienne enthalten. Sie wurden vom offiziellen Gesandten des Königs von Aragons in Vienne verfasst. DieseNotizen, sowie der historische (nicht der überlieferte) Text der Bulle sind auch für die aktuelle Forschung sehr relevant, da sie auf eine Nichtigkeit der Bulle hindeuten könnten, wenn nicht sogar auf eine mögliche historische Fälschung. Diese Erkenntnisse, die die wichtigste Bulle der Aufhebung des Templerordens betreffen, könnten die Sichtweise der Aufhebung revolutionieren. 

In Laufe des Sommers 2021, während der Forschungsarbeiten zur Auffindung der möglichen originalen Versionen der Bulle Vox in Excelso aus 1312 und ihren Kopien aus der gleichen Periode, konnte man definitiv feststellen, dass keine „originale“ Version der Bulle aus Avignon zu finden war. Es gibt aber, wie vorher erwähnt, drei „Kopien“ dieser Bulle: eine in Barcelona im Archivo Real de la Corona de Aragon, eine in Madrid im El Escorial und eine in den berühmten Manuskripten des Klosters von Citeaux. Diese letzte Wiedergabe der Bulle befindet sich heute tatsächlichim der Gemeinde-Archiv von Dijon. 

Wie bereits vorher erwähnt: Obwohl ein päpstliches Gericht den Templer-Orden 1307 für unschuldig befunden hatte, wie man aus dem Pergament von Chinon erfahren kann, löste Clemens V. dennoch mit der Bulle Vox in Excelso im Jahre 1312 den Orden auf. Aber genau diese problematische Auflösung des Templerordens durch diese Bulle, die definitiv nicht mehr zu finden ist, verursachte bei den meisten Historiker*innen und Rechtshistoriker*innen Zweifelüber die Rechtmäßigkeit der Bulle selbst und des ganzen Verfahrens. Wäre die originale Bulle rechtswidrig oder sogar nie erlassen worden, so wäre auch das ganze Verfahren gegen die Templer und Ihre Auflösung nichtig. Aber genau um die Authentizität oder zumindest die Glaubwürdigkeit der Inhalte dieser Bulle zu rekonstruieren, müssen die Kopienaus der Zeit genauer in Betracht gezogen werden. Die zwei spanischen Kopien lassen aufgrund der Schrift und der Konservierung mehrere Zweifel über Ihre Authentizität aufkommen. Das, was im Gegenteil keine Zweifel über die Authentizität der Wiedergabe des Textes der Bulle zulässt, ist das Manuskript aus Citeaux (Jacques de Thérines, Recueil de traités sur les exempts, 1312). Dieses Manuskript wurde vom Historiker, Theologen und Philosophen der Zisterzienser, Jacques de Thérines, geschrieben. Das Manuskript wurde in Frankreich datiert und stammt aus der Zeit zwischen 1312 und 1322. Es existieren nur wenige Werke über Jacques de Thérines, auch wenn er wahrscheinlich der wichtigste Historiker aus dieser Zeit war, der tatsächlich auch beim Konzil von Vienne anwesend war. Das Manuskript umfasst 82 Seiten auf Pergament und ist in lateinischer Sprache verfasst. Darin befindet sich nicht nur die Wiedergabe der Bulle Vox in excelso, sondern auch eine Zusammenfassung des Konzils von Vienne und der Geschehnisse während des Konzils. Die Worte von De Thérines sind nach dem Stand der Forschung als objektiv zu betrachten, da er weder ein Gegner des Papstes, noch der Templer war. Die Anmerkungen und die ganze Chronik selbst sind, meiner Meinung nach, der Schlüssel, um das Mysterium der rechtlichen Aufhebung des Templerordens zu lösen, da sie nicht nur die Fakten objektiv betrachten, sondern auch als echt zu bezeichnen sind und definitiv keine historische Fälschung darstellen. Diese Quelle ist bislang auch die einzige historische Chronik eines persönlich Anwesenden des Konzils, welche bis jetzt von der Forschung als authentisch bezeichnet wurde und datiert ist. Unser nächstes Forschungsziel ist die Übertragung der 82 Seiten in modernes Latein und ihre Übersetzung. Dies ist notwendig, um die rechthistorischen Probleme der Aufhebung des Templerordens gründlich und objektiv zu verstehen.

In den bisher gesammelten Dokumenten könnte der Schlüssel für eine objektive und wissenschaftliche Auswertung dieser Entscheidung liegen. Deshalb haben eine systematische Katalogisierung und eine wissenschaftliche Analyse der Sammlung zu erfolgen. Hiervon umfasst sind die originalen relevanten Textstellen der Bullen und der wichtigsten Dokumente über die Ereignisse um den Templerorden und auch die Schriften über das Ende des Ordens und das Verfahren der Inquisition. Insbesondere folgende Schriftstücke werden gezielt analysiert: das Pergament von Chinon sowie die Bullen Faciem Misericordiam IFaciens Misericordiam IIRegnans in CoelisConsiderantes Dudum]Vox in ExcelsoAd providam IAd providam IIBona templariorumPastoralis praeminentiaevon Clemens V., sowie die beiden Bullen Dignum esse conspicimus und die beiden Bullen Cum dilecti filii von Clemens IV. aus 1265. Die letztgennannten Bullen von Clemens IV. (bis dato wurden die besagten vier päpstlichen Bullen für eine einzige gehalten und ohne jeglichen Hinweis auf die beiden Bullen Cum dilecti filii – mit dem Namen Dignum esse conspicimus bezeichnet) wurden bis zur erst kürzlich erfolgen Erstveröffentlichung nicht ausgewertet und waren bloß in der Sammlung aller päpstlichen Akte von Clemens IV. aus dem 19. Jh. zu finden. Die Originale waren im Vatikanischen Archiv unauffindbar und konnten letztendlich im französischen Nationalarchiv wiederentdeckt werden. 

Wie oben bereits erwähnt, werden in den Schriftstücken Umstände beschrieben, die nicht an eine Auflösung, sondern an eine bloß vorübergehende Suspendierung des Ordens denken lassen oder sogar an eine Nichtigkeit der Entscheidung von Clemens V. – basierend auf dem Verbot der Exkommunikation oder Sanktionierung der Templer, wie aus der Veröffentlichung über die vier wiederentdeckten Bullen von Clemens IV.  hervorgeht. Diese vier wiederentdeckten Bullen: dignum esse conspicimus I und II, sowie cum dilecti filii I und II, sind von keiner geringen Bedeutung, da hier bestimmte Privilegien der Templer (und der Johanniter) beschrieben sind, welche eine Exkommunizierung sowie jede andere Art von Sanktionen gegen die Mitglieder dieses Ordens „de facto“ unmöglich machen. Eine derartige Interpretation könnte die gegenwärtige historische Lehrmeinung über das Inquisitionsverfahren und das Ende der Templer dementsprechend revolutionieren. Der Freispruch des Ordens gemäß dem Pergament von Chinon, sowie die vermutete Suspendierung des Ordens auf Grundlage der Bullen „Faciem Misericordiam“ und „Vox in Excelso“ würden zusammen mit der vermeintlichen Nichtigkeit der Auflösung auch äußerst interessante rechtshistorische Aspekte aufwerfen: Erstens könnte man – dank des Pergamentes von Chinon – eine rechtliche Rekonstruktion der Entscheidung am Ende des Verfahrens, welche ein gerichtlicher Akt der Inquisition war, vornehmen. Bisher wurde in der historischen Forschung das ganze Verfahren und die Entscheidung nur mithilfe historischer Heuristik rekonstruiert, jedoch nie rechtshistorisch. Dies stellt aus den oben genannten Gründen ein großes Forschungsdesiderat dar, mit potenziell sehr weitreichenden Implikationen. Zweitens ist eine Auslegung der Bulle Vox in Excelso unter rechtlichen Gesichtspunkten noch ausstehend. Drittens ließe sich eine mögliche Nichtigkeit jeder möglichen Sanktion gegen die Templer nur durch eine rechtliche Rekonstruktion von den vier ausgewählten Bullen von Papst Clemens IV. und einigen bisher noch nicht betrachteten Bullen von Papst Clemens V. endgültig klären. Eine zunächst vorzunehmende Sammlung und Katalogisierung aller relevanten Schriftstücke ermöglicht schließlich, dass rechtshistorische Rekonstruktionen in direktem Vergleich mit den originalen Quellen gestellt werden können, wodurch sich viele der derzeit äußerst unklaren Umstände um die Auflösung des Templerordens aus wissenschaftlicher Sicht klären könnten. 


Die zukünftige Forschungsarbeiten:

Foto: Daniele Mattiangeli

Die wissenschaftliche Untersuchung der „Commanderie d’Auzon“

Foto: Mauro Ferretti

Die Kirche von San Giacomo in Ferrara und das Grab von Hugues de Payens

(coming soon )